Von Paula Panitz, Mitglied der Jungen Union Gießen

Im Alter von drei Jahren flog ich zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten. Natürlich habe ich nicht viele Erinnerungen an diesen kurzen Aufenthalt in Orlando, Florida, aber seither verschlägt es mich immer wieder in dieses faszinierend vielfältige Land. Einige Familienurlaube haben mein frühkindheitliches Bild der USA geprägt, aber erst im Alter von 16 Jahren, als ich durch die Teilnahme eines einjährigen Austausches die amerikanische Kultur und Gesellschaft aus erster Hand kennenlernen durfte, habe ich eine tiefere Verbindung zu dem Land aufgebaut. Damals konnte ich, als Mitglied einer wohlhabenden Familie der amerikanischen Mittelschicht, das sorglose Leben einer Highschool-Schülerin im mittleren Westen führen.

Mein Fazit zu dieser Zeit: Typisch amerikanisch heißt, jeden Morgen Pancakes frühstücken, Fußwegdistanzen mit einem SUV zurücklegen, bei jedem Einkauf drei Mal so viel kaufen wie man konsumieren kann, sich jedes Produkt einzeln in eine Plastiktüte einpacken lassen, sonntags in die Kirche gehen, es sich den Rest des Tages gut gehen lassen, abends die Freunde aus dem Sportteam zum BBQ einladen und das Leben in vollen Zügen genießen.

Da gibt es aber noch ein anderes Amerika….

Vergangenes Jahr ergab sich für mich nach dem Abitur noch einmal die Möglichkeit, den USA einen längeren Besuch abzustatten. Während eines viermonatigen Aufenthaltes in New York konnte ich dieses Mal nicht nur die Schönheit und den faszinierenden Zauber des Big Apples genießen, sondern hatte auch die Gelegenheit, den harten Alltag der Arbeitsschicht mitzuerleben. Eine Kombination aus mehreren Jobs ließ mich einen Spagat zwischen zwei Welten machen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Drei Tage die Woche betreute ich als Nanny zwei Mittelstufen-Schüler, die sich definitiv zu Amerikas sonnigen Seite zählen dürfen. Mit opulentem Reichtum, einer teuren Privatschul-Ausbildung und einem großen Haus, in einer Nachbarschaft in der auch Tommy Hilfiger und Karl-Theodor zu Guttenberg ansässig sind, blicken sie in eine erwartungsfrohe Zukunft. Leider kann ich nicht so glorreiche Aussagen über die Zukunft vieler meiner Kollegen treffen, mit denen ich den Rest der Woche in einem gut besuchten Café der Stadt gearbeitet habe. Alle meine Kollegen hatten lateinamerikanische Wurzeln oder waren selbst „First Generation Immigrants“.

Schuften mit starker Erkältung, Kopfschmerzen oder sogar hochschwanger

Während der Job für mich ein Anlass war, meine Englisch-Kenntnisse aufzufrischen und als gelegentlicher Zeitvertreib gesehen wurde, stellte er für meine Kollegen oftmals die essentielle Lebensgrundlage für sie und ihre Familien dar. Bezahlten Urlaub gab es nicht, daher war es kein Wunder, dass sie die Strapazen eines langen Fußwegs bei eisiger Kälte und Schneestürmen zum Bahnhof auf sich nahmen, um an Sonntagen und Feiertagen wie Thanksgiving oder Weihnachten pünktlich zur Stoßzeit Kaffee und Kuchen zu servieren. Die Lebensunterhaltungskosten in New York haben ein sehr hohes Niveau und wer sich einen freien Tag nicht leisten kann, muss eben auch mit starker Erkältung, Kopfschmerzen oder hochschwanger arbeiten.

Die USA sind das einzige entwickelte Land ohne gesetzliches Recht auf bezahlten Mutterschutz und Elternzeit. Mein Entsetzen war also groß, als ich feststellte das es hier „normal“ ist, noch zwei Tage vor der Entbindung zu arbeiten. Große Zukunftspläne zu schmieden oder von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu träumen, ist ein Komfort, der nicht jedem zu Teil wird. Während ich als Nanny also stark überbezahlte Stunden damit verbrachte, meinen Schützlingen Butterbrote zu schmieren und Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen, dachte ich oft an meine Kollegen im Café, die für den New-Yorker-Mindestlohn eine Zehn-Stunden-Schicht mit halbherziger Pause ableisteten. Das zeigt mir, dass typisch amerikanisch eben auch heißt, hart zu arbeiten, schlechte Sozialversicherungen zu haben und am Existenzminimum zu
leben.

Mein Fazit:

Typisch amerikanisch kann vieles heißen. Ein Land dieser Größe und Vielfalt lässt sich schwer in Schubladen mit stereotypischen Aufschriften verpacken.

Es gibt allerdings eine Gesellschaftseigenschaft, die mir bisher bei jeder meiner Reisen begegnet ist: Egal, an welchem Ort in den USA ich mich aufgehalten habe, die Menschen haben mich offen empfangen. Was uns Amerikaner voraushaben, ist miteinander, statt nebeneinander her zu leben. Die Strukturen des amerikanischen Alltags sind so ausgelegt, dass man um einen kommunikativen Umgang mit seinen Mitmenschen nicht herumkommt. Nicht selten wurde während meiner Zeit in den USA aus dem obligatorischen Smalltalk ein interessantes und tiefgründiges Gespräch.

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