Interview mit DFB-Präsident Reinhard Grindel und Stefan Heck
Stefan Heck und Reinhard Grindel kennen sich gut: Bis vor wenigen Monaten war Grindel Mitglied des Deutschen Bundestages und saß mit unserem Landesvorsitzenden gemeinsam im Rechtsausschuss. Sein Mandat gab er ab, weil er zum Präsidenten des DFB gewählt wurde. Mit beiden sprachen wir in der Frankfurter DFB-Zentrale über die Herausforderungen der Sportpolitik.

LÖWENMAUL: Lieber Herr Grindel, der DFB hat in den letzten Jahren mit dem WM-Titel in Brasilien eigentlich alles erreicht. Was für Ziele setzen Sie sich, um sich noch zu verbessern?

Reinhard Grindel: Wir wären gerne Europameister geworden (lacht). Das ist leider auch gescheitert an einem großen Verletzungspech und zwei unberechtigten gelben Karten gegen Mats Hummels. In der Spitze, in der man sich bei einem EM-Halbfinale bewegt, kommt es auf viele Kleinigkeiten an und da haben wir, wenn ich an den Elfmeter für Frankreich denke, auch nicht das notwendige Fortune gehabt. Also, ein Ziel bleibt nach 1996 noch einmal Europameister zu werden. Ansonsten kommt es auch darauf an, dass wir starke Mannschaften im Nachwuchsbereich haben. Gerade erst haben wir erfolgreich die U19-EM organisiert – und uns für die U20-WM in Südkorea qualifiziert.

LÖWENMAUL: Um die Strukturen dafür zu schaffen, haben Sie die DFB-Akademie gegründet. Was versprechen Sie sich davon?

Reinhard Grindel: Wir haben die Akademie noch nicht gegründet, aber sie wird nach dem Gerichtsstreit zwischen der Stadt Frankfurt und dem Renn-Klub ein Teil des neuen DFB-Hauses auf der Galopprennbahn sein. Es wird bei diesem Projekt darum gehen, die vielen Erkenntnisse, die wir in der A- und in den Nachwuchsmannschaften sammeln, stärker zu bündeln und die sportlichen Leitungen miteinander zu vernetzen. An der Akademie möchten wir das Wissen unserer Scouts, der sportmedizinischen und sportpsychologischen Mitarbeiter zusammenführen und ein Art Entwicklungslabor schaffen für alles Neue, das unsere Spieler zum Beispiel im kognitiven Bereich besser macht. Von diesen Entwicklungen sollen nicht nur unsere Nationalmannschaften, sondern auch die Bundesligavereine und unsere Landesverbände profitieren.

LÖWENMAUL: Lieber Stefan, der DFB hat mit der Akademie seine Hausaufgaben gemacht. Wo kann die Politik, wo kann der Staat Prozesse in Gang setzen, um den Breiten- und Leistungssport zu fördern?

Dr. Stefan Heck: Wir machen schon eine ganze Menge, verteilt auf die unterschiedlichen Ebenen. Der Bundesbereich fördert im Wesentlichen den Bereich Spitzensport und die Außenwirkung. Alles darunter fördern die Länder und die Kommunen. Bei mir in der Heimatgemeinde etwa, in der ich Stadtverordneter bin, unterstützen wir die Sportvereine mit finanziellen Mitteln sowie beim Neubau von Vereinsheimen und Sportplätzen.

Reinhard Grindel: Ich glaube, dass wiruns den Neubau und die Verbesserung von Sportplätzen noch einmal genauer vornehmen sollten. Gerade in den großen Städten stellen wir fest, dass mancher Verein – und das geht über den Fußball hinaus – einen Aufnahmestopp hat, weil die Trainingsmöglichkeiten begrenzt sind. Das ist auch ein Nebeneffekt der Ganztagsschulen, wodurch sich die Zeiten verdichten, in denen das Training stattfinden kann. Ich bin deshalb bereits mit einigen Bundestagsfraktionen im Gespräch, ob man, wie früher beim Konjunkturprogramm, ein „Sonderprogramm Sportanlagenbau“ auflegt.

Dr. Stefan Heck: Das ist vor allem ein Bereich, den viele Vereine nicht alleine leisten können. Wir haben in Hessen vor rund zehn Jahren festgestellt, dass es eine wachsende Zahl an Kindern gab, die nicht mehr Schwimmen lernten – schlicht, weil es nicht mehr genügend Schwimmbäder gab. Und dann hat Hessen ein Programm aufgelegt, mit dem alte Bäder renoviert und neue gebaut werden konnten. Beim Fußball kommt hinzu: Für die soziale Integration ist es häufig sehr wichtig, im örtlichen Verein mitzuspielen. Und Fußball ist identitätsstiftend, weit über den sportlichen Aspekt hinaus.

LÖWENMAUL: Hilft der Sport denn auch bei der Integration von Flüchtlingen?

Dr. Stefan Heck: Der Schlüssel ist natürlich die Sprache. Aber der Sport kann eine wichtige Rolle bei der Integration spielen.

LÖWENMAUL: Wie engagiert sich der DFB auf diesem Feld?

Reinhard Grindel: Integration ist für uns nicht nur eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern ein Zukunftsthema für unsere Vereine. In vielen Vereinen spielen schon heute kleine Weltauswahlen, in vielen Regionen hat jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund. Es ist deshalb auch entscheidend, Menschen mit Migrationshintergrund für das Ehrenamt zu gewinnen – als Übungsleiter, als Vereinsvorsitzender, Schatzmeister oder Schiedsrichterobmann. Was die Flüchtlingssituation anbelangt, haben wir über unsere Egidius-Braun-Stiftung rund 2.000 Vereine unterstützt, die mit Flüchtlingen arbeiten. Dabei geht es nicht nur um die Übernahme von Kosten für ein Paar Fußballschuhe oder den Mitgliedsbeitrag, sondern es gibt auch sehr viele Vereine, die ihre Mitglieder bei Behördengängen begleiten oder kleine Sprachkurse veranstalten.Fußballvereine sind für viele
Menschen die erste Anlaufstelle, bei der sie mit den Bürgern im Dorf in Kontakt treten.

LÖWENMAUL: Themawechsel. In den letzten Monaten wurde das Thema Staatsdoping in Russland intensiv diskutiert.Kann die Fußball-WM 2018 denn in Russland stattfinden?

Reinhard Grindel: Wir wollen uns auf die WM 2018 in Russland freuen können – ohne Doping und übrigens auch ohne Hooligans, die zuletzt bei der EM eine Rolle spielten. Bei den Hooligans waren übrigens nicht nur Russen beteiligt, sondern sie wurden durch russische Politiker geradezu bestärkt. Ich werde im Herbst nach Russland reisen und unter anderem mit dem russischen Sportminister Gespräche führen. 2018 wird die Welt noch stärker als bei der Winterolympiade in Sotchi auf Russland schauen. Sie wird sich fragen: Wie frei kann man sich in Russland äußern? Wie frei ist der Sport von Doping? Es sollte deshalb im Interesse Russlands sein, diese Probleme zu lösen.

LÖWENMAUL: Stefan, vor den olympischen Spielen haben sich einige russische Athleten vor dem so genannten CAS gewehrt, dem internationalen Sportgericht. Siehst Du die Trennung zwischen der Sportgerichtsbarkeit und Zivilgerichten kritisch, vor allem rechtsstaatlich?

Dr. Stefan Heck: Solche Verfahren vor Sportgerichten kommen grundsätzlich nur dann in Frage, wenn sich beide Seiten damit einverstanden erklären. Es spricht deshalb aus meiner Sicht nichts dagegen, vor solche Schiedsgerichte zu gehen. Kommt es dann zu groben Fehlurteilen, ist der Weg vor Zivilgerichten immer noch eröffnet.

Reinhard Grindel: Für mich gibt es gar keine Alternative zur Sportgerichtsbarkeit. Gerade der Fall der russischen Gewichtsheber lässt die Frage zu, ob ein russisches Zivilgericht die Sperre der Gewichtsheber bestätigt hätte. Ich halte das für zweifelhaft. Der CAS hat die Entscheidung hingegen bestätigt. Wer auf die Unabhängigkeit des Sports großen Wert legt, der muss auch für die Sportsgerichte streiten. Die Urteile des CAS erlangen immerhin weltweite Gültigkeit, da es weltweit einheitliche Regeln gibt, die von allen akzeptiert werden.

LÖWENMAUL: Ende Juli hat Bastian Schweinsteiger seinen Abschied als Kapitän und Mitglied der Nationalmannschaft verkündet. Wer wird sein Nachfolger als Kapitän? Und sollte uns sein Rücktritt Sorgen machen?

Reinhard Grindel: Es ist guter Brauch im DFB, dass sich um die sportlichen Fragen der Bundestrainer mit seinem Team, der Manager und der Sportdirektor kümmern. Sie würden sich bedanken, wenn der Präsident ihnen über das LÖWENMAUL sagt, wer unser neuer Kapitän wird oder wo die neuen Schweinsteigers zu finden sind (grinst). Aber gerade die EM hat gezeigt, dass wir durch die hervorragende Nachwuchsarbeit, angefangen vom kleinen Verein bis in die Leistungszentren der Bundesligisten, immer wieder in der Lage sind, Weltklassespieler hervorzubringen. Wenn ich zum Beispiel an Joshua Kimmich oder Leroy Sané denke, oder Julian Weigel – das sind hoffnungsvolle Spieler und es kommen immer wieder neue hinzu. Oder denken wir an Toni Rüdiger, der leider bei der EM dann verletzt war. Insofern: Ich glaube, auch auf der Position, auf der Bastian Schweinsteiger gespielt hat, haben wir viele hoffnungsvolle Spieler. Was wir vielleicht noch etwas mehr benötigen würden, sind gute Stürmer (grinst). Aber auch da bin ich hoffnungsvoll. Wir werden Bastian Schweinsteiger im Rahmen unseres Freundschaftsspiels gegen Finnland in Mönchengladbach würdig verabschieden und ich bin mir ganz sicher, er wird auch nach seiner Zeit in der Nationalmannschaft für viele Menschen ein Idol bleiben.

Fragen von Frederic Schneider, Fotos von Jan Henrik Schäfer

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